Während meines Job-Shadowings war ich im Monongalia County Public Defender´s Office „Mon Defender“ in Morgantown, WV eingesetzt. Es handelt sich hierbei um eine Pflichtverteidiger-Anwaltskanzlei im Bereich vom „Criminal Law“. Die Non-Profit-Organisation wurde 2021 gegründet und eröffnete Ende 2022 ihre Türen.
Mon Defender vertritt finanziell anspruchsberechtigte Klient*innen u.a. in folgenden Bereichen:
- Strafverteidigung
- Jugendkriminalität
- Kindesmissbrauch und Vernachlässigung
Mission der Kanzlei ist es, Menschen, die in Armut leben, Zugang zum Recht und zur Gerechtigkeit zu verschaffen. „Mon Defender“ orientiert sich an einem Ansatz, welcher die Würde aller Menschen respektiert und auf einen positiven sozialen Wandel hinarbeitet, mit dem Ziel, die dringendsten Bedürfnisse derjenigen zu erfüllen, die benachteiligt sind und mit Kriminalität, Missbrauch und Vernachlässigung oder anderen Rechtsfragen konfrontiert sind. Die Kanzlei arbeitet nach dem sogenannten „Holistic Defense“-Modell, einem Ansatz der „ganzheitlichen Verteidigung“. Die Zusammenarbeit mit den Klient*innen beschränkt sich somit nicht nur auf die reine Rechtsvertretung, sondern die Klient*innen werden als umfassendes Individuum angesehen und in jeglichen Bereichen unterstützt. Ziel ist es, die Klient*innen als „Ganzes“ zu sehen und auf all ihre Bedürfnisse einzugehen. Denn in den meisten Fällen haben die Betroffenen mit weitaus tieferen Problemen zu kämpfen und somit steht das reine Strafverfahren nicht allein im Fokus der Zusammenarbeit. Das multiprofessionelle Team unterstützt die Klient*innen dabei, die Ressourcen und Hilfen zu erlangen, welche sie benötigen, um die Ursachen der Probleme zu lösen, die dazu führen, dass sie in das Strafrechtssystem geraten.
Neben Anwälten arbeitet in der Kanzlei u.a. auch Jodi als „Criminal Defense Social Worker“. Während meines Aufenthalts habe ich eng mit Jodi zusammengearbeitet, durfte aber auch in die Tätigkeiten der Anwälte Einblicke erlangen. Ich habe im Arbeitsalltag größtenteils eine beobachtende Rolle eingenommen. Der „normale Alltag“ von Jodi bestand aus Telefonaten, Schreiben von Emails oder Ausfüllen von Anträgen für beispielsweise Rehabilitationsbehandlungen. Hier war ich dann meistens einfach mit dabei, hatte die Möglichkeit viele Fragen zu stellen und in den Austausch zu gehen.
Zweimal bin ich gemeinsam mit Jodi ins Gefängnis („North Central Regional Jail and Correctional Facility“) gefahren, um Gespräche mit Klient*innen zu führen, welche entweder auf ihre Entlassung oder auf ihre Gerichtsverhandlung mit anschließender Verurteilung warten. Hier ging es vor allem um Themen wie ihr allgemeines Wohlbefinden oder individuelle Bedürfnisse während des Aufenthalts im Gefängnis, die Gegebenheiten bzgl. medizinischer Versorgung oder menschenwürdiger Behandlung durch das Personal, aber auch um die Planung von möglichen Anschlussmaßnahmen (ambulanter oder stationärer Entzug, Anbindung an Beratungsstellen, Krankenversicherung, Wohnsituation) oder mögliche Maßnahmen, welche eine drohende Verurteilung mildern könnten („Therapie statt Strafe“).
Jodi hat im Büroalltag viel mit den Anwälten kooperiert und bei Gesprächen mit Klient*innen oder Gerichtsvorbereitungen unterstützt. An dieser Stelle konnte ich dann auch selbst aktiver werden. Ich durfte bei der Vorbereitung von verschiedenen Gerichtsverhandlungen („trials“) helfen, indem ich bei Gesprächen mit den Angeklagten zugehört habe und im anschließenden Austausch zwischen Anwälten und Sozialdienst meine Eindrücke und Ansichten teilen durfte. Ebenso habe ich dabei geholfen, nach Hinweisen bzw. Beweisen zu suchen, welche sich positiv auf die Verteidigung der Klient*innen auswirken könnten. Dabei handelte es sich beispielsweise um das Durchsuchen von Dateien oder Chatverläufen auf dem Handy der Klient*innen oder auch das Zusammensuchen von Informationen auf Social Media Accounts aller am Prozess beteiligten Personen (Angeklagter, angebliche Opfer, Zeugen, etc.). Ich habe insgesamt drei größere Prozesse bzw. Gerichtsverhandlungen beobachten dürfen (häusliche Gewalt, sexueller Missbrauch, Mord) und bin hier bei der „Jury Selection“ aktiv geworden. An dieser Stelle werden allgemein formulierte, aber am Fall orientierte Fragen an die Jury gerichtet, zum Beispiel ob sie selbst schon Opfer einer körperlichen, sexuellen oder ähnlichen Straftat waren usw. Hier habe ich eine beobachtende Rolle eingenommen und mir Notizen gemacht. Daraufhin haben sowohl die Seite der Verteidigung als auch die Seite des Staates die Möglichkeit eine gewisse Anzahl an Personen der Jury zu selektieren. Dazu setzen sich alle Beteiligten der jeweiligen Seiten zusammen und tauschen sich darüber aus, um eine sinnvolle Entscheidung zu treffen. An diesem Austausch war ich dann somit auch beteiligt. Während der gesamten Verhandlung habe ich mir Notizen gemacht und in den Pausen hat dann immer ein kurzer Austausch mit den Anwälten, Angeklagten und Sozialarbeiterin stattgefunden.
Auch unabhängig von den größeren Gerichtsverhandlungen hatte ich fast täglich die Möglichkeit, mit verschiedenen Anwälten aus dem Büro ins Gericht zu gehen und bei Anhörungen dabei zu sein. Häufige Anklagen standen im Zusammenhang mit Drogenkriminalität, welche in Morgantown, WV generell sehr hoch ist.
An Fällen im Bereich der Jugendkriminalität durfte ich aufgrund der Sensibilität leider häufig nicht beteiligt sein und somit war es mir leider nicht möglich, meine Erfahrungen und Kompetenzen aus der Zusammenarbeit mit suchtkranken bzw. psychisch kranken Jugendlichen in Deutschland mit einzubringen.
Generell wäre ich manchmal gerne mehr aktiv geworden bzw. wollte meine KollegInnen gerne mehr unterstützen. Manchmal fühlte es sich an, als sei ich „nur“ anwesend und beobachte, fast so, als wäre ich keine wirkliche Bereicherung für meine KollegInnen. Dies stellte dann teilweise eine Herausforderung für mich dar.
Ein großes Erfolgserlebnis war auf jeden Fall die Erweiterung der sprachlichen Kompetenz. Ich habe mich zunehmend selbstsicher gefühlt im „Alltagsenglisch“, sowohl im Zuhören als auch im Sprechen. Besonders überrascht war ich darüber, wie schnell ich manche Fachbegriffe im
Berufsalltag erlernt habe und durch mein Interesse und meine Neugier am Berufsfeld verstanden habe und somit einiges über das US-amerikanische Rechtssystem gelernt habe.
Der Alltag abseits des Job-Shadowings hat sich mit der Zeit verändert bzw. verbessert. Die ersten ein bis zwei Wochen empfand ich als ziemlich anstrengend. Es war eine große Umstellung im beruflichen Kontext den ganzen Tag Englisch zu hören und zu sprechen, insbesondere aufgrund der vielen Fachwörter in einem mir bisher nicht vertrauten Berufsfeld. Daher war ich nach der Arbeit oft sehr erschöpft und habe mich häufig ausgeruht, gemeinsam mit meiner Hostfamily zu Abend gegessen oder einen Spieleabend gemacht. An den Wochenenden war ich dann mit den anderen TraX-Teilnehmenden (Christoph und Nola) unterwegs in Restaurants, Bars, im Fitnessstudio, auf Tages- oder Wochenendtrips oder Sport- Events (Baseball und Football). Mit der Zeit habe ich mich an den Arbeitsalltag gewöhnt und auch die Freizeit unter der Woche zunehmend genutzt. Abends bin ich dann manchmal mit Arbeitskolleg*innen Essen gegangen. Ich habe mich sehr darüber gefreut in „Afterwork“-Aktivitäten integriert zu werden. Auch die Wochenenden habe ich dann zunehmend mit meinen Arbeitskolleg*innen und den zwei anderen TraX-Teilnehmenden in Morgantown, Christoph und Nola, verbracht. Wir haben versucht, möglichst viele Events in Morgantown mitzuerleben und waren zum Beispiel beim Buckwheat-Festival (eine Art Kirmes, welche bekannt ist für den Verkauf von Buckwheat-Pancakes), beim Wine & Jazz Festival (Wine Tasting am Monongahela River) und beim „Hops on the Mon“ (ein Beer Tasting Festival). Generell habe ich auch gerne Zeit mit meiner Hostfamily verbracht. Wir waren manchmal gemeinsam essen oder spazieren/wandern. Auch als ich bei meiner zweiten Gastfamilie gewohnt habe, habe ich mich hin und wieder mit meiner ersten Gastfamilie getroffen.
In Deutschland arbeite ich auf einer Suchtstation in einer Kinder- und Jugendpsychiatrie und betreue Jugendliche im Alter von 12-18 Jahren. Manche der Jugendliche sind ebenfalls straffällig, haben teilweise Anzeigen oder offene Verhandlungen. In seltenen Fällen kommen Patient*innen zur Behandlung in die Klinik, welchen die Möglichkeit gegeben wird, die stationäre Therapie als „letzte Option“ vor dem Jugendarrest zu vollziehen („Therapie statt Strafe“).
Das Berufsfeld während des Job-Shadowings unterschied sich im Ganzen schon sehr von meinem Job in Deutschland, auch wenn es teilweise Ähnlichkeiten gibt bzgl. der (Drogen)Kriminalität, psychischer Gesundheit, familiärer Hintergründe, sowie sozioökonomischer Status, etc. In meinem Job in Deutschland liegt der Fokus eher auf therapeutisch-pädagogischer Ebene, während sich die Zusammenarbeit mit den Klient*innen im Rahmen des Job-Shadowings auf den Rechtsaspekt konzentrierte, auch wenn zusätzlich der sozialarbeiterische Teil integriert wurde.
Vor Beginn des Job-Shadowings wurde mir gesagt, dass die Klient*innen, mit denen ich arbeiten werde, Jugendliche bzw. junge Erwachsene sind. Ich dachte also, dass der Bezug zu meinem Job in Deutschland etwas mehr gegeben sein wird. Es stellt sich dann heraus, dass die Klient*innen, an deren Betreuung ich beteiligt war, in der Regel zwischen 20-60 Jahre alt waren. Auch wenn es sich bei meiner Einsatzstelle daher nicht um die klassische Kinder- und Jugendhilfe handelte, konnte ich dennoch unglaublich viel Neues lernen. Schon während meiner Bewerbung bei TraX hatte ich Lust, etwas Neues kennenzulernen und durch eine persönliche und professionelle Kompetenz- und Wissenserweiterung eine mögliche berufliche Veränderung anzustreben. Dies ist auf jeden Fall gelungen. Das Job-Shadowing hat insgesamt eine sehr positive Erfahrung für mich dargestellt und ich kann mir gut vorstellen, mich nun auch in Deutschland beruflich neu zu orientieren in einen Bereich, welcher dem des Jobshadowings mehr ähnelt.
Ich bin unglaublich dankbar für alle Eindrücke, die ich erlangen, und Erfahrungen, die ich machen durfte, sowohl auf beruflicher als auf persönlicher Ebene, für alle Menschen, die ich kennengelernt habe und für alle „small & big moments“, an die ich mich immer gerne zurück erinnern werde.

