Erfahrungsberichte TraX

TraX 2024 in Kalamazoo, Michigan

TraX Erfahrungsbericht

Philip Hofmann, Sozialarbeiter bei der Stadt Rüsselsheim am Main, war im Herbst 2024 mit TraX für 2 Monate in den USA. Hier berichtet er für IJAB von seinem Aufenthalt in Kalamazoo, Michigan.

15.04.2025 / Philip Hofmann

Meine Einsatzstelle war Kalamazoo CASA (Court Appointed Special Advocates), ein Programm des Ninth Circuit Court – Family Division des Kalamazoo County. CASA trainiert und betreut Ehrenamtliche, die als Anwält*innen für Kinder tätig sind. Diese Kinder sind wegen Missbrauch oder Vernachlässigung durch Eltern oder Schutzbefohlene in einem Kinderschutzverfahren. Hier konnte ich die Haupt- und Ehrenamtlichen bei Gerichtsverfahren, Treffen mit den Kindern oder Meetings begleiten.

Da CASA beim Familiengericht angedockt ist, konnte ich zusätzlich Gerichtsverhandlungen und Meetings besuchen und begleiten und dabei die unterschiedlichen Professionen wie Richter*innen, Anwält*innen, Sozialarbeiter*innen in deren Rollen bei Gericht beobachten. In den Terminen ging es dann z.B. um Jugendstrafen wegen Waffenbesitz, Mord oder Autodiebstahl sowie familienrechtliche Angelegenheiten wie Adoption wegen Vernachlässigung.

Bei einigen Bewährungshelfer*innen hatte ich die Möglichkeit zu hospitieren. Dabei begleitete ich Gespräche mit jugendlichen Straftäter*innen im Jugendgefängnis, Besuche von Jugendlichen in Schulen sowie Haus- und Trägerbesuche in West Michigan. Eine weitere Aufgabe, die bei Gericht von einer Therapeutin übernommen wird, ist das Vereinbaren von Umgangsregelungen von getrennt lebenden Eltern auf Antrag. Auch hier konnte ich hospitieren. Einmal pro Woche konnte ich die Hauptamtliche von CASA im Community Closet unterstützen, einer Art Kleiderkammer. Dort können insbesondere Familienhelfer*innen für ihre Klient*innen Kleider bekommen. Dies bot mir die Möglichkeit, mit den Familienhelfer*innen – aber auch weiteren Ehrenamtlichen und Klient*innen – ins Gespräch zu kommen. Eine weitere Hospitation beim „Child Protective Service“, der zum Michigan Department of Health & Human Services (MDHHS) gehört, war einer der „Höhepunkte“ des Job- Shadowings.

In meinem Fall kann von einem wirklichen Job-„Shadowing“ gesprochen werden, da jeder Tag anders aussah und ich auch fast jeden Tag eine andere Fachkraft als „Schatten“ begleitet habe. Dadurch konnte ich mich weniger mit meiner Expertise einbringen, dafür aber einen äußerst umfassenden Einblick in die Arbeit in den USA gewinnen. Für mich als Fachkraft in einem deutschen Jugendamt war hier der Austausch mit den amerikanischen Fachkräften der verschiedensten Professionen sehr interessant. So wurden immer wieder zwischen den Systemen in Deutschland und den USA verglichen und die Unterschiedlichkeiten und Ähnlichkeiten diskutiert. Mit der Zeit wurden immer mehr Parallelen zwischen den USA und dem deutschen Jugendamt sichtbar, die auf den ersten Blick nicht zu sehen waren.

Alle amerikanischen Kolleg*innen traten mir offen entgegen und waren auch am Austausch mit einem deutschen Kollegen interessiert, was es zu einem sehr angenehmen Arbeiten machte. Insbesondere bei längeren Fahrten in den Außendienst gab es die Zeit, sich eingängiger zu unterhalten.

Der größte Unterschied zwischen der Arbeit in Deutschland und der in den USA ist meiner Meinung nach, dass in den USA viel spezialisierter gearbeitet wird. Teilweise sitzen 20 Personen in Meetings zusammen und diskutieren das weitere Vorgehen in einem Fall. In Deutschland ist im Jugendamt dann eher eine Person zuständig, die einen Fall (oder eine Familie) langfristig bei allen Angelegenheiten wie z. B. Erziehungsproblemen oder Umgangsberatungen begleitet. Beide Systeme haben nach meiner Auffassung Vorteile. In den USA werden Dinge teilweise wesentlich professioneller abgearbeitet, in Deutschland hat man dann eher die persönliche Note, die eine eher individuelle Sicht auf die Klientel zu ermöglichen. Diese Einsicht scheint mir besonders wichtig und hilfreich, um das eigene professionelle Handeln zu reflektieren und eventuell auch in den hier gegebenen Rahmen anzupassen.

Für die Tätigkeit bei Gericht war ein Background-Check in den USA nötig, weswegen ich nicht direkt bei CASA starten konnte. Das bot mir aber die Möglichkeit, sich bei den Mit- TraX-lerinnen anzuschließen und deren Einsatzstellen kennenzulernen. So konnte ich zusätzlich Einblicke ins Schulsystem und Asyl- und Einbürgerungswesen sowie bei Loaves and Fishes (vergleichbar mit der Tafel) gewinnen. Auch habe ich bei Kalamazoo Defender mitarbeiten können, die für faire Gerichtsverhandlungen stehen und diese beobachten. Zum Abschluss habe ich noch an einem Treffen des Fatherhood Network teilgenommen und an diesem Projekt für z. B. alleinerziehende oder getrenntlebende Väter partizipiert.

Insgesamt war es großartig, sich acht Wochen vom Arbeitsalltag in Deutschland zu lösen und die Zeit zu haben, Arbeit, Kultur und sich selbst zu reflektieren. Jeden Tag neue Dinge zu sehen und zu erleben – und dabei Freundschaften zu knüpfen.

Mit meinen Hosts, ein Paar Mitte 30, war entspanntes Zusammenleben angesagt. Meist verließen beide das Haus vor mir zum Arbeiten und am Abend wurde gemeinsam gegessen und gesprochen oder ferngesehen. Was unspannend klingt, war jedoch in Zeiten der US-Wahlen und der Football-Saison sehr interessant und hat viel Spaß gemacht. Dazu kam das gute Wetter mit 4 Wochen Hochsommer im September und 4 Wochen Spätsommer im Oktober.

In der Freizeit konnte ich Kalamazoo und die Umgebung gut kennenlernen. Downtown ist immer einen Besuch in einem Café oder Brauerei und Bar wert. Die Museen sind schön, insbesondere das Kunstmuseum fand ich beeindruckend. Außerhalb findet man nette Möglichkeiten zum Spazieren und Wandern, z.B. rund um Celery Flats in Portage oder am Nature Center. Der Air Zoo beeindruckt mit seinen Flugzeugen und fast immer spielt irgendeine Sportmannschaft der Western Michigan University.

Weitere Ausflüge zum Lake Michigan sind immer schön, egal ob South Haven, Saugatuck oder die Sleeping Bear Dunes, die aber alleine wegen ihrer Höhe herausstechen. Auch Städtetrips nach Chicago und Detroit bieten sich an, die jeweils auf ihre Weise herausragen und entdeckt werden wollen. Auch in diesen beiden Städten bestätigt sich für mich das Vorurteil nicht, dass US-Städte wenig zu bieten haben und eher langweilig sind. Das Gegenteil ist der Fall und man kann Tage dort verbringen, sich z. B. einfach treiben lassen, Museen besichtigen und die Zeit am Wasser verbringen.

Eine meiner liebsten Gegenden zum Entspannen war zwischen dem Portage Creek Bicentennial Park und der Celery Flats Historical Area. Von meinen Hosts aus gut zu erreichen, konnte ich dort oftmals spazieren gehen, die Ruhe genießen und das Erfahrene reflektieren. Die historische Schule bei Celery Flats wurde mir sogar von netten Rangern aufgeschlossen und ich bekam eine kleine Führung. Auch interessant waren die verschiedenen Tiere am Bach, von Eichhörnchen über verschiedene Wasservögel bis zu einer Schlange.

Insgesamt waren die 2 Monate in den USA sowie die Vor- und Nachbereitung ein großes Abenteuer. Mit viel Arbeit verbunden, aber mit reichen Erlebnissen und Lehren entlohnt. Es hat mich persönlich und beruflich geprägt. Seit der Rückkehr konnte ich die Zeit reflektieren und finde auf der Arbeit im Jugendamt immer wieder fachliche Anknüpfungspunkte. Ich habe ein weiteres „home away from home“ in Michigan gefunden, wo ich mich heimisch fühle und wohin ich gerne zurückkehre. Mir bleibt nur Danke zu sagen, danke an alle, die das ermöglicht haben. In Deutschland IJAB und meine Arbeitgeberin, die Stadt Rüsselsheim am Main, in den USA Global Ties, CASA und meine Gastgeber – und natürlich allen Menschen auf diesem fantastischen Weg. Danke!

Für eine Fortbildung in die USA?

Das Transatlantic Exchange in Social Work-Programm (TraX) ermöglicht es Fachkräften der Kinder- und Jugendhilfe in Deutschland, für ein Job-Shadowing in die USA zu gehen.

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Im Länderbereich USA nimmt IJAB eines der beliebtesten Austauschländer unter jungen Menschen in den Blick.