Kürbisse liegen auf dem Boden zwischen gefallenen Blättern, entlang eines Pfades, gesäumt von Bäumen, in einer ländlichen Umgebung mit einem Zaun im Hintergrund. Kürbisse liegen auf dem Boden zwischen gefallenen Blättern, entlang eines Pfades, gesäumt von Bäumen, in einer ländlichen Umgebung mit einem Zaun im Hintergrund.
Erfahrungsberichte TraX

Almost Heaven

TraX 2025 in Morgantown, West Virginia

Johanna, Schulsozialarbeiterin in Augsburg, war 2025 für zwei Monate mit TraX in den USA - hier berichtet sie von ihrer Zeit in der kleinen, aber sehr lebendigen Universitätsstadt Morgantown in West Virginia.

05.02.2026 / Johanna Tischler

Almost heaven – West Virginia

Als die ersten Cowboyhüte an mir vorbeigewippt waren, ich einen Haken hinter meinen ersten Starbucks-Besuch setzte und die Einreise problemlos funktioniert hatte, war ich bereit für mein neues Abenteuer in West Virginia – meiner Base für die nächsten acht Wochen. Der restliche Teil der Gruppe, die aus zwei weiteren TraX-Teilnehmer*innen und einer weiteren internationalen Praktikantin bestand, wartete bereits auf mich. 

Im sonnigen Morgantown wurden wir alle von WVCIP (West Virginia Council of International Programs) beziehungsweise den Mitgliedern, Freund*innen und Bekannten herzlich empfangen. Neben vielen spannenden Begegnungen und interessanten Gesprächen, wurden wir mit gutem Essen und unerwarteten Geschenken versorgt. Spätestens nach dem offiziellen Empfang mit der Bürgermeisterin von Morgantown war ich überwältigt von Herzlichkeit, Gastfreundschaft und unzähligen positiven Eindrücken. Abends konnte ich vor Freude kaum einschlafen, weil uns so viel Gutes widerfahren war.

Nach den gemeinsamen Orientierungstagen lernten wir schließlich unsere Gastfamilien kennen und ich fand mich zeitweilig in meinem Bett mit drei Kindern und einer Katze wieder – sehr repräsentativ für die Antwort auf die Frage, wie der Alltag meiner Gastfamilie so aussieht, die mit „Chaos and love“ beantwortet wurde. Und die darauffolgenden drei Tage hatte ich sehr starken Muskelkater, nachdem ich mit der Mutter in der Gastfamilie ein „Workout“ im hauseigenen Fitnessraum gemacht hatte. Zur Halbzeit meines Aufenthaltes zog ich aus dem Haushalt mit drei Katzen, drei Kindern und einem sehr lebhaften Alltag aus und bei einer verrenteten Grundschullehrkraft ein. Während meine Gastgeberin fleißig Muffins backte und das Gefrierfach ständig mit Eiscreme gefüllt war, da sie meiner Leidenschaft für Kuchen und Süßigkeiten im Allgemeinen nachkommen wollte, bekochte ich sie mit Spaghetti und einer Tomatensoße nach dem Rezept meiner Oma. 

Gemeinsam mit Gerald durfte ich meine Zeit bei der Children’s Home Society of West Virginia verbringen, einer Non-Profit-Organisation, die sich mit Pflegekindern und Adoption beschäftigt. Unsere Kolleg*innen vor Ort waren alle super hilfsbereit, erklärten sehr ausdauernd und geduldig und involvierten uns in ihre Terminkalender. Meine Hauptaufgabe in den ersten Wochen bestand aus Lesen, Fragen stellen und Kopf schütteln. Letzteres vor allem über fehlende Datenschutzregelungen in den USA, erschütternde Gerichtsurteile, schockierenden Kindesmissbrauch, aber auch über Originalzitate von Pflegekindern oder leiblichen Eltern. 

Eine meiner Kolleginnen pflegte den Spruch: „There is no yawning in Social Work.“ Und ich denke, so lassen sich die spannenden Wochen im Morgantown Office zusammenfassen. Eine Sozialarbeiterin ließ mich an ihrem 12-Stunden-Arbeitstag teilhaben – inklusive Roadtrip aufgrund der großen Distanzen. Wir wohnten für die Entscheidung über die Zukunft von mehreren Pflegekindern einigen Gerichtsverhandlungen bei, was hier zum wöchentlichen Arbeitsalltag gehört, und besuchten Pflegeeltern sowie deren Pflegekinder im häuslichen Umfeld. Besonders prägend war für mich ein Fall, den ich während meines Praktikums mit all seinen Drehungen und Wendungen und der schlussendlich schockierenden Entscheidungen vom amerikanischen Jugendamt miterleben konnte. Ähnlich wie im Jugendhilfesystem in Deutschland sind auch die amerikanischen Jugendämter in Gebieten, die soziale Brennpunkte darstellen, personell unterbesetzt und in der praktischen Handlungsflexibilität überlastet. Kurzum: different country – same shit. Und so ist es auch keine Seltenheit, dass bei fehlendem Pflegefamilienplatz und überfüllten Inobhutnahmestellen die Kinder und Jugendlichen in Hotels untergebracht werden müssen. Klassische Wohngruppen, wie wir sie aus Deutschland kennen, gibt es dort nicht. Dabei beeindruckt es mich, wie viel Wert von Gerichten, aber auch von den Sozialarbeiter*innen bei CHS darauf gelegt wurde, ein beständiges und dauerhaftes Zuhause für die Kinder zu finden.

Ein weiteres Highlight bei CHS war das sogenannte „Trunk or Treat“ zu Halloween. Seit einiger Zeit ist es nicht mehr üblich, dass die Kinder in den Nachbarschaften nach „Süßem und Saurem“ fragen, sondern auf Parkplätzen Kofferräume (trunks) geschmückt werden und die verkleideten Kids dort Süßigkeiten ergattern können. Grund hierfür ist die fehlende Sicherheit in vielen Nachbarschaften. Wir schmückten einen eigenen Kofferraum unter einem hexerisch-mystischen Motto und ich sagte als Wahrsagerin den Kindern die Zukunft voraus. Schockierte Blicke erntete ich, als ich einem Jungen prophezeite, dass er zukünftig seinen Eltern viel in der Küche helfen würde.

Neben all den sozialpädagogischen Themen, die wir mit unseren Kolleg*innen vor Ort besprochen haben, hatten wir nach anfänglichem Beschnuppern eine sehr humorvolle Ebene gefunden und wurden schließlich in die Kultur des Line-Dancing eingeführt. Nach einem erfolgreichen Tanzabend im lokalen Pub wurden die Tanzschritte fast täglich im Büro verfestigt. Auch die Gelegenheit des Team-Bingos in der lokalen Brauerei ließen wir nicht aus – mit Erfolg, leckerem Essen, gutem Bier und einem lustigen Abend. Wir wollten dem Team die deutsche Kulinarik nicht vorenthalten und bekochten daher alle im Büro mit Pfannkuchen und Apfelkompott.

Wenn wir mal nicht arbeiteten oder beim Volunteering waren, verbrachten wir unsere Zeit gerne draußen. Neben dem Besuch des Paw-Paw Festivals, bei dem die traditionelle Frucht in West Virginia im Mittelpunkt steht, paddelten wir mit dem Kajak oder SUP auf dem nahegelegenen Cheat-Lake oder verabredeten uns zu Wanderungen im State Park. Per Definition ist eine Wanderung dort eher ein Spaziergang. Wir waren aber natürlich „German-Style“ unterwegs und liefen dreieinhalb Stunden durch die Schönheit der herbstlichen westvirginischen Natur. Natürlich durften ein Kaffee- und Eis-Stopp, sowie das Abkühlen im kühlen Nass nicht fehlen und der abendliche Ausklang war ein spätsommerliches Abendessen am Wasser mit Live-Musik.

Das sogenannte „Tailgating“ fand ebenfalls Outdoor statt, war aber weniger sportlich – zumindest körperlich sportlich – als unsere Wanderungen. Meine Gastmutter aus der ersten Gastfamilie nannte das Tailgating den Inbegriff des amerikanischen Wahnsinns. Bei einem Football-Heimspiel der West Virginia University feierten Fans tagelang vor dem Stadion, besetzten die umliegenden Parkplätze mit ihren riesigen Wohnmobilen und hatten natürlich BBQs. Das Spiel selbst war hierbei eher nebensächlich.

Freiwilligenarbeit zu koordinieren scheint nicht immer die Stärke der Amerikaner*innen zu sein und hat mich mit meiner deutschen Effizienz manchmal zur Verzweiflung gebracht. Im Park der West Virginia University erhielten wir beispielsweise die Anweisung, ausgewaschene Rinnen auf dem Wanderweg auszubessern. Es fehlte jedoch an ausreichend Equipment und so verbrachte ich drei Stunden damit fünf Minuten Schutt zu schaufeln und 30 Minuten zu warten. Ähnliches erlebte ich bei einer lokalen christlichen Organisation. Ich wurde wöchentlich in einer Vorratskammer mit Lebensmitteln für Bedürftige eingeteilt und verbrachte meine zwei Stunden dort, ohne dass je ein Bedürftiger kam. Ich meine, zumindest war das Volunteering so eine sehr achtsame Angelegenheit. Die Niederschwelligkeit, mit der freiwillige Arbeit in den USA zum einen beworben, zum anderen aber auch umgesetzt wurde, begeistert mich. Es waren nicht - wie von mir als Deutsche erwartet - jegliche Daten erfasst oder möglicherweise noch ein polizeiliches Führungszeugnis verlangt worden. 

Der Gedanke, an die Gemeinschaft etwas zurückzugeben, ist in den Köpfen der Gesellschaft als Selbstverständlichkeit verankert. Im Rahmen des Krankenhauses in Morgantown haben wir vier Praktikant*innen ein Dreigänge-Menü als Abendessen für die Angehörigen der Patient*innen gekocht. Die Kürbissuppe als Vorspeise traf hierbei auf so große Begeisterung, dass wir das Rezept aufschreiben mussten. Auch bei Health Right – einer kostenlosen Klinik für Bedürftige – konnte ich im Konsumraum für Drogenabhängige unterstützen. Ich habe gemeinsam mit den anderen Freiwilligen die Konsumierenden nach dem aktuellen Bedarf gefragt und anschließend Spritzen, Tupfer etc. ausgegeben. Ich traf spannende Persönlichkeiten und ziehe meinen Hut vor der Arbeit, die die Klinik leistet.

In meinem Kopf fand täglich ein Feuerwerk statt. Ich durfte so viel lernen, Neues erfahren und wurde bereichert von tollen Begegnungen. Meine Begeisterung hielt sich ursprünglich in Grenzen, als ich erfuhr, dass ich in Morgantown sein werde. Ich hätte es jedoch nicht besser treffen können. Abseits der typischen touristischen Orte wie New York, Kalifornien oder Florida habe ich ein ganz anderes Amerika erlebt: einen durch Armut und Drogenproblematik geprägten Staat, der im Hinblick auf meine Profession besonders viel Spannendes zu bieten hatte. Und mit Morgantown eine Kleinstadt, die von Menschen belebt wird, die stolz auf ihren Bundesstaat sind und so viel Gastfreundschaft und Herzlichkeit ausstrahlen, dass ich mir davon gerne eine Scheibe abschneiden möchte. Und um diesen Spirit ein bisschen weiterleben zu lassen, habe ich viele Mitbringsel aus den kleinen lokalen Cafés und Shops in Morgantown mitgenommen. Das führte letztendlich dazu, dass ich einen Koffer kaufen musste, um die ganzen Besonderheiten mit nach Deutschland zu transportieren. Mein Geheimtipp für die Anreise ist daher eine Songtextzeile von Silbermond: „Es reist sich besser mit leichtem Gepäck.“

Die Skyline von Chicago spiegelt sich in einer ruhigen Wasserfläche vor klarem Himmel, was eine urbane Szenerie vor einem natürlichen Gewässer zeigt.
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